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Schon beim ersten mal als ich von diesen Zypressenwäldern von Louisianna und Texas erfahren habe, war für mich klar, diese in meine Liste der Foto-Todos aufzunehmen. Doch im Gegensatz zu bekannten USA Zielen wie dem Südwesten, bei dem man einfach ins Auto einsteigen und mehr oder weniger drauflosfahren kann, bedarf eine Reise in die Swamps einiges an Vorbereitungen und Informationen. 

Schaut man auf die Landkarte, so sieht man, dass die Swamps ein riesiges Gebiet ist, das je länger je mehr von menschlichen Eingriffen zerstört wird (wie so manche Naturzonen dieser Erde). Als grosser Wald- und Baumfan faszinierten mich immer schon die Bilder dieser majestätischen Zypressen, die aus dem Wasser ragen und sämtlichen Wetterverhältnissen trotzen. So begab ich mich also auf die Suche nach Informationen, wo genau die schönsten und ältesten dieser Bäume aus dem Wasser ragen und wie genau man diese erreicht. Schnell wurde mir klar, dass der einzige Weg, zu diesen Bäumen zu gelangen, durch die braunen, mit Alligatoren gespickten Gewässer führen. Trotz meiner «Angst» vor dem Element Wasser bin ich seit meiner Grönland-Kayakexpedition ein grosser Kayakfan, und so war dies für mich nichts Neues. Dank einem der wohl besten Swamp-Fotografen David Chauvin und einiger Recherchen wusste ich nach einigen Wochen, wo ich die ältesten und schönsten Zypressen finden würde. Nun stellte sich nur noch die Frage; wann ist es am schönsten in den Swamps und wann ist es am wenigsten gefährlich. Ich entschloss mich für den Frühling – aus folgendem Grund: Laut David gibt es kein knalligeres Grün als jenes, welches im frühen Frühling aus den Zypressen schiesst. Die Bäume selbst sehen im Winter aus wie tot und im Frühling erwachen Sie wieder zu neuem Leben. 


Ankunft und erste Orientierung
Mit der US Airways flog ich nach New Orleans und von dort mit dem Mietwagen nach Lafayette, einem idealen Ausgangspunkt für Swamp-Touren in Louisianna. In einem dort ansässigen Kayakgeschäft mietete ich mir auch gleich ein gutes und schnelles Kayak, in welchem ich auch aufstehen konnte und mir so die teils dringenden Landgänge ersparen konnte.
Schon beim ersten Anblick der Swamps sah ich (in meiner Vorstellung) tausende giftiger Schlangen und Alligatoren, die nur darauf warteten, mich zu fressen. Dies war, wie sich später herausstellte, 50
% realistisch und 50 % unrealistisch. Ich sah in diesen zwei Wochen nämlich bedeutend mehr Alligatoren und Schlangen aller Art, als ich mir je erträumt hätte.


Der Alligator – das faule «Monster» der Swamps

Um mich auf die Alligatoren vorzubereiten las ich einige Artikel über sie im Internet und in Fachliteraturen und schaute auch viele Youtube-Videos über vermeintliche Attacken auf den Menschen, etc. – Ich wollte das Tier, dem ich später gegenüberstand, kennenlernen und wissen, wie ich mich zu verhalten hatte.
Der American Alligator kann eine Grösse von bis zu 6 Metern erreichen. Die meisten Alligatoren, die ich sah, hatten jedoch eine Grösse von 2 bis 4.5 Metern, was ebenfalls beachtlich ist, wenn man ihnen bis auf einige Meter nahe kommt. Alligatoren zählen zwar zur Gattung der Krokodile, sind jedoch nicht gleich gefährlich wie jene. Sie sind weniger aktiv und agressiv als Krokodile und erreichen durch ihre Lebensstrategie auch das fast doppelte Lebensalter der gewöhnlichen Krokodile. Wenn man zum ersten mal mit dem Kayak fernab von anderen Menschen und Strassen einem Alligator begegnet, der locker grösser ist als das Kayak inklusive mir, dann schliesst man schon einmal ab mit dem Leben. So geschah es auch bei mir am ersten Tag in den Swamps nahe des Lake Martin. Nach rund 20 Minuten paddeln näherte ich mich, auf der Suche nach den Zypressenbäumen, einem treibenden Stamm, der sich plötzlich zu bewegen begann. Sofort verringerte ich die Geschwindigkeit des 
Kayaks und sah meinem Gegenüber in die Augen. 


Nur der Kopf ragte einige Zentimeter aus dem Wasser. Der Rest was im huminfarbenen Wasser verborgen. Nach einigen Schreckensminuten setzte sich das gewaltige Reptil in Bewegung, und zwar rechts an mir vorbei. Dabei kam der gezackte Körper und der mächtige lange Schwanz zum Vorschein. Zum ersten mal kam ich mir in meinem 4.5 Meter langen Kayak klein und verletzlich vor. Doch ich hörte noch immer die Stimme des Kayakvermieters in meinen Ohren; Keine Sorge – Der Mensch passt nicht ins Beuteschema des Alligators, ausser er schwimmt oder hält etwas ins Wasser, oder kommt zwischen ein Muttertier und ihre Jungen ODER kommt zwischen zwei rivalisierende Männchen. Nun, all diese Ausnahmefälle merkte ich mir natürlich aufs Extremste. Auf meiner ersten Kayaktour sah ich sechs ausgewachsene mittelgrosse (bis 4 Meter) Alligatoren und ein paar Jungtiere sowie eine Wasserschlange. Dies war alles in allem jene Zahl, welche ich mir während den gesamten 10 Tagen vorgestellt hatte zu sehen.
Der Alligator wurde bis in die 70er-Jahre wegen seiner Haut bis fast zur Ausrottung hin gejagt, und so galt es in den 70er-Jahren noch als besonderes Ereignis für einen Fischer, einem Alligatoren zu begegnen. Danach wurde er unter Naturschutz gestellt und die Jagd strikte verboten. Innert 10 Jahren erholte sich die Population so gewaltig, dass nur 20 Jahre später wieder von einer gesunden Population gesprochen werden konnte. Dies sieht man als Fotograf und Kayaker mittlerweile sehr gut. Den insgesamt begegnete ich während 10 Tagen über 200 Alligatoren von aller Grösse. Ich muss jedoch auch erwähnen, dass ich täglich rund fünf Stunden mit dem Kayak unterwegs war und so in sehr viele Gebiete vordringen konnte.


Gefährliche Begegnungen mit Alligatoren
Nun ja, auch diese gab es. Die gefährlichsten Alligatoren sind jene, die vom Menschen gefüttert wurden, diese verlieren die Angst vor dem Menschen und kommen näher. Bei Motorbooten mag dies kein Problem darstellen, anders bei Kayakern. Ich hatte total drei Begegnungen mit vermeintlich gefütterten Alligatoren von beachtlicher Grösse, welche, sobald sie mich sahen, auf mich zuschwammen, statt die Flucht zu ergreifen. Ich reagierte in jedem Fall so, dass ich sofort die Paddel nahm, das Klappmesser öffnete und mich auf einen Angriff vorbereitete. Laut den Rangern ist das Zurückschlagen und Wehren die einzige Möglichkeit, die man hat. 

Davonpaddeln ist aufgrund der extremen Geschwindigkeit eines Alligators nicht möglich. In einem von drei Fällen tauchte der Alligator kurz vor mir ab und verschwand, in den anderen zwei Fällen touchierte er mit dem gezackten Schwanz meinen Kayakrumpf und jagte mir einen gewaltigen Schrecken ein. Beide «Attacken» waren am Lake Martin, dem von Einwohnern genannten «Alligator Lake». Dort gab es rund fünf Tourenanbieter, welche, um den Touristen eine gute Show bieten zu können, die Alligatoren füttern und sie so ans Boot locken. Sehr intelligent, geachtet dessen, dass diese Tiere danach auch zu uns Kayakern kommen, und um Futter betteln. Anders sah es am Lake Fausse Point aus – dort werden Alligatoren auch heute noch gejagt und haben grosse Angst vor dem Menschen. Bei diesem See gibt es auch die schönsten Zypressen, die ich auf meiner Reise sehen durfte. Einziger Haken: Diese liegen jedoch rund eine Stunde paddeln vom Ufer entfernt.


Meine grösste Mutprobe waren die Sonnenaufgänge. Hier musste ich in der absoluten Dunkelheit ins Wasser, um bei Dämmerung bei den schönen Punkten zu sein. Eine Erfahrung, die ich sehr schätze, da ich meinen Mutbarometer nun einige Meter höher stecken kann. Passiert ist mir auf diesen morgendlichen Ausflügen zum Glück nichts. Alligatoren sah ich immer schon von weit her, da ihre Augen beim Schein der Stirnlampe leuchteten, so konnte ich einfach um sie herumpaddeln.

Alligatoren – Fazit
Als total ungefährlich würde ich diese mächtigen Reptilien (nicht Amphibien, obschon im Wasser lebend) zwar nicht bezeichnen, aber ebenfalls nicht als grosse Gefahr für den Fotografen. Wenn man einige Regeln beachtet und das Glück nicht herausfordert, kann man sich auf fantastische Begegnungen freuen. Denn so furchterregend diese Tiere auch erscheinen mögen, von den beinahe unsichtbaren Giftschlangen, die sowohl im Wasser als auch unter dem Laub in grosser Anzahl vorkommen, geht eine weitaus grössere Gefahr aus. Im Allgemeinen wird geraten, nicht alleine unterwegs zu sein (in meinem Fall nicht anders machbar) und bei Sichtung eines Alligatoren um dessen Revier herumzupaddeln. Vor allem im Frühling (meiner Reisezeit) sind die Männchen sehr territorial und dulden keine Eindringlinge in Ihr Gebiet. Ebenfalls wird empfohlen, das seichte Wasser zu meiden, dort halten sich die Tiere nämlich gerne auf.


Die Zypressen – das Wunder der Swamps
Zypressen (Taxodium distichum) waren einst weit verbreitet in Louisiana –
nach exzessiven Rodungen kamen sie jedoch in den meisten Bereichen der Swamps fast nicht mehr vor. Die Zypresse gilt als sehr langsam wachsender Organismus. Die Bäume werden teils über 2000 Jahre alt und wachsen nur unter bestimmten Bedingungen. So müssen sie die ersten vier Jahre im Trockenen stehen, während sie danach auch aus dem Wasser weiterwachsen und leben können. Zypressen erscheinen in den Wintermonaten sehr grau und leblos, während sie in den ersten Märzwochen in kitschigem Grün erscheinen und im Herbst glutrote Blätter tragen. Die Wurzeln dieser Bäume ragen senkrecht aus dem Boden und erweisen sich bei trübem Wasser als erbarmungslose Nadeln, an denen man sich leicht verletzen kann. LINK ZU WUNDERSCHÖNEM SONNENAUFGANG IN DEN SWAMPS: https://www.youtube.com/watch?v=8e2uQ-xY9ng

Die alten Zypressen wachsen nicht mehr in die Höhe, sie wachsen in die Breite, während sie im Innern langsam sterben und man deshalb nicht selten uralte Zypressen sieht, welche nur eine Hülle darstellen, aber immer noch weiterwachsen und im Frühling in strahlendem Grün erscheinen. Was den Zypressen diese zauberhaft Erscheinung verleiht, ist zweifellos das alljährliche graue Spanische Moos (Tillandsia usneoides), welches meterlang an den Ästen herunterhängt und mit dem Wind tanzt.


Die Zypressen – Massenfällen und Verarbeitung zu billigem Gartenmehl

Wie bereits vorhin erwähnt, werden die wunderschönen Zypressen exzessiv gefällt, und darum kämpfen viele Naturschützer aktuell dafür, dass das Fällen der Zypressen verboten wird. Das Schicksal der gefällten Zypressen ist nicht ansatzweise so rosig wie beispielsweise das von Mahagoni, welches für teure Möbel und Instrumente verwendet wird. So wird das Zypressenholz zu Spänen verarbeitet, welche man schliesslich für wenig Geld kaufen kann und im Garten verstreut. Einzelne Bäume werden auch zu Eisenbahnsockeln verarbeitet. Warum? Weil das Holz uralter Zypressen erfolgreich Schädlinge aller Art fernhält. Ein trauriges Schicksal für diese wundervollen Bäume.
Ein grosser Dank an dieser Stelle den Basinkeepers, welche mit Ihrer Arbeit die Zypressen schützen: www.basinkeeper.org


Die schönsten Parks / Swamps
Die für den Fotografen am besten geeigneten Motive finden sich in den folgenden Gegenden. Am Caddo Lake State Park im Norden von Louisiana und Texas, am Lake Martin bei Lafayette, am Lake Fausse Point sowie am Lake Chicot State Park. Alle schönen Spots liegen zwischen 30 und 100 Minuten paddeln von den öffentlichen Bootlaunches entfernt. Es empfiehlt sich des weiteren, für die eigene Sicherheit einen lokalen Guide zu buchen und sich vorher ausführlich über die lokale Tierwelt zu informieren.
Wenn man den grossen Alligatoren aus dem Weg gehen möchte, sollte man die Vogelschutzgebiete und allgemein Zonen, in denen viele Vögel vorkommen, meiden. Das selbe gilt bei den Giftschlangen.

Ein Ornithologie-Paradis im Frühling
Die Swamps sind abgeschieden und aufgrund des Wassers um die Bäume eine sichere Insel für alle Arten von Brutvögeln. Schlangen, die probieren, an die Eier der Vögel zu gelangen, werden von Alligatoren gefuttert. Genau so wie die schwachen und kranken Vögel und Beutetiere, die sich der Kolonie nähern. So wird das Gleichgewicht aufrecht erhalten. Ein absolutes Muss für Vogelfotografen ist ein Besuch des Lake Martin sowie der Jefferson Island – hier finden sich Roseate Spoonbill’s,
Großweißreiher, etc.

Empfohlenes Equipment für Vogelfotografie in den Swamps: Um den Alligatoren aus dem Weg gehen zu können, empfiehlt sich mindestens ein 500mm-Objektiv. Optimal wäre ein 800mm. Tarnkleidung findet man in den USA kostengünstig in allen Outdoorläden.