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Wehmütig sitze ich am Gate des Flughafen Hobarts und blicke auf eine wundervolle letzte Woche in Tasmanien zurück. In der zweiten Woche hat sich Tassie von einer ganz anderen Seite gezeigt als die Woche zuvor. Die Tage waren geprägt von starkem Wind, Wolken, Regen und, wenn auch sehr selten, sensationellen Lichtstimmungen. Während zwei Tagen fühlte ich mich wie in meiner zweiten Heimat, Island. Eine Stunde Sonnenschein, dann extreme Windböen, Regen, wieder Sonnenschein, später in der Nacht wurde es so kalt, dass ich in meinem Schlafsack, der nur bis 10 Grad reichte, schlotterte wie ein Schlosshund und alle verfügbaren Kleider anziehen musste. 

Am Tag darauf waren die Berggipfel (1400 Meter über Meer) mit frischem Schnee gezuckert. Mir wurde in den letzten 2 Wochen schnell bewusst; Tasmanien ist klimatisch gesehen NICHT Australien. Wie auch - man ist offensichtlich so nahe an der Antarktis, dass man gar das Südlicht sehen kann. 

Schlaf, was ist das?
Wie bei all meinen Rekoreisen purzeln aktuell die Kilos. So kann ich nach nur gerade 18 Tagen meinen Gürtel 3 Schnallen enger anziehen und fühle mich als könnte ich Bäume ausreissen. Die ewige Angst, etwas zu verpassen zwingt mich dazu 18-20 Stunden am Tag unterwegs zu sein und von Spot zu Spot zu huschen. Mein App (MapOut) sagt mir, dass ich während diesen 18 Tagen 2877Km im Auto und 98km zu Fuss zurückgelegt habe. Nahezu alle 1-2 Stunden Fahrt kam ich an einem Infohäuschen vorbei, welches den Start zu einem Mehrtagestrekking setzt und ich am liebsten all diese Touren gemacht hätte. Trotz meinen vielen Wanderungen und Fahrten habe ich schätzungsweise gerade einmal 20% von Tasmanien erkunden können. Alleine im Tarkine Forest National Park hätte ich 2 Wochen verbringen können, denn dort, 5-6 Tagesmärsche ins Nichts, wird noch eine kleine Population des als ausgestorben geltenden Tasmanischen Tigers (Thylacinus) vermutet. Wollte ich Tasmanien aus der Sicht eines Fotografen erkunden, bräuchte ich mindestens 3 Monate Zeit und dazu zwingend meinen Hilux Expedition, denn sehr sehr viele schöne Punkte sind nur auf sehr schlecht befahrbaren Pisten mit aufgebretzelten Offroadern zu erreichen. 


Bay of Fire
Eines meiner Hauptziele war die Bay of Fire. Diesen Namen hat die Küste einer Flechte zu verdanken, welche die Steine und Felsen rot und orange färbt. Als ich zuhause bei Google Maps "Bay of Fire" eingab, kam ein bestimmter Punkt und den besuchte ich zum ersten Sonnenaufgang (da an der Ostküste gelegen). Dort angekommen war ich zutiefst enttäuscht, hatte ich doch die Bilder von Fotografen im Kopf, die wunderschöne weisse Strände und feuerrote Felsen zeigten. An meinem Spot gabs zwar rote Felsen, aber umzingelt von Häusern, Schafen, ohne schöne Strände und die roten Flechten schon ziemlich abgetrampelt. Als ich den Bauer dort fragte, wo denn die Bay of Fire wäre, meinte er nur, der GESAMTE Küstenabschnitt heisse so und diese erstrecke sich über hundert Kilometer… Also begab ich mich auf die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Während 2 Tagen fuhr ich jede noch so kleine Strasse zur Küste runter und wurde immer enttäuscht, die EINEN Felsen blieben aus. Dann erweiterte ich meine Suche auf die Punkte, die nur mit Offroadern erreichbar waren, da die Strasse durch Flüsse, Moore, etc. führte. Mit meinem heckbetriebenen kleinen Camper, der soviel Bodenfreiheit hat wie ein Regenwurm, kam ich da nicht weit, also musste / durfte ich die Strecken zu Fuss gehen. Die eine Piste führte während 6.5 Kilometern durch dichten Busch bis hin zum Meer. Fotorucksack gepackt und los gehts. Nach rund 1h und 20min stehe ich vor den wohl schönsten Felsen am gefühlt schönsten Strand von Tasmanien, meine Augen leuchteten vor Freude und ich wusste, ich hatte einen dieser wenig fotografierten Punkte gefunden.


ABER ich wollte sowohl Sonnenauf- als auch Untergang hier fotografieren und meine Zeltausrüstung lag noch im Auto. Da mir unterwegs kein Mensch begegnet war und sich das auch nicht ändern würde, legte ich meine gesamte Fotoausrüstung unter einen Busch (hellblauer auffälliger F-Stop Rucksack) und machte mich auf den Rückweg zum Auto um den Rest zu holen. Nach 5 Minuten laufen, wurde es mir langweilig von dem vielen Gebüsch und ich nahm mein iPhone aus der Tasche und sortierte Bilder als sich PLÖTZLICH in meinem Sichtfeld hinter dem iPhone etwas Schwarzes bewegte. PUFF 100% Adrenalin im Blut - ich wäre fast auf eine Schwarze Tigerotter gewatschelt. Die 4. giftigste Schlange Australiens und somit eine der Top 10 weltweit. Sie hatte sich wohl auf dem Weg gesonnt und mich nicht gespürt. 10 Minuten später kam mir ein grosser Toyota Jeep mit 5 Personen entgegen, dann noch einer mit 2 Insassen und schliesslich noch ein ein Offroader mit 2 Fischern. Ich wurde kreidebleich, meine gesamte Kameraausrüstung lag einfach so da unten unter einem Busch und ich 1h entfernt davon. Also rannte ich zum Auto, packte alles zusammen, kochte mir noch was zu Essen und rannte wieder runter zum Strand, in der Hoffnung nicht wieder fast auf eine Tigerotter zu treten. Zwei der Autos kamen mir beim Runterrennen entgegen, ich hielt beide an und fragte, ob sie meine Kameraausrüstung gesehen hätten, ich hätte sie dort „liegen lassen“. PEINLICH. Dort angekommen, war dann jedoch alles vollständig und ich konnte mich entspannt dem Zeltaufbau widmen. Kaum stand das Zelt, brauste der Wind auf, der Himmel verdunkelte sich zu monotonem Grau und dies blieb so für die nächsten 3 Tage. Die Nacht an diesem wundervollen Strand war der blanke Horror, die Wellen waren dermassen laut und der Wind zerriss mir beinahe mein Hilleberg Akto Zelt. An Schlafen war wiederum nicht zu denken. 


Ich habe es gefunden - MORDOR
So schön und farbenfroh die Landschaft von Tasmanien sein kann, so gibt es auch hier Orte, die einem Angst einjagen, weil sie so unwirklich und harsch anmuten. Einer dieser Orte ist die Nordwestliche Küste Tasmaniens. Hier finden sich Felsformationen, die an Rasierklingen und Schwerter erinnern und zu tausenden parallel aus dem Boden schiessen.


Um diesen Ort zu erreichen fuhr ich bei Sturm während einem Tag 445km die gesamte Nordküste entlang Richtung Westen. Mein Camper, ein fahrender Alluminiumklotz, dessen einziges aerodynamisches Teil die Türfalle darstellte, schaukelte im Wind von links nach rechts und bei jedem entgegenkommenden Auto musste ich abbremsen, aus Angst vom Wind auf seine Seite gedrückt zu werden. Nach 7h 20min Fahrt und 16 Liter pro 100Km Verbrauch (Mein Hilux braucht 5 Liter weniger und ist doppelt so gross) kam mein Hiace Camper dann am Ziel an. Ich war klimatisch gesehen endlich in ISLAND angekommen. Die Rasierklingenfelsen, die schon bei schönem Wetter beängstigend aussahen, wirkten im Wind, dunkelgrauen Himmel und Regen noch viel gefährlicher. Dieses Spektaktel zu fotografieren erwies sich als extrem schwierig, da im 20min-Takt das Wetter wechselte, nach jedem Bild der Filter von der Gischt verschmutzt war und mir langsam aber sicher die Mikrofasertücher ausgingen.


Dann, die Sensation. Am schönsten Küstenabschnitt zog der Regen über mich hinweg und ich versteckte mich hinter und unter den Felsen im Trockenen als plötzlich die Sonne zu scheinen Begann und sich ein doppelter Regenbogen direkt über den schroffen Kanten und Linien der Felsen bildete. Der perfekte Moment und der Lohn dafür, dass ich die vergangenen 3 Stunden draussen verharrte.


Als ich zum Camper zurückkam geschah ein weiteres Wunder, da stand ein anderer Camper mit einem Ehepaar aus Tasmanien, welche nicht umhin kamen, mein Strahlen im Gesicht zu bemerken. Ich schwärmte von Tasmanien und den Erlebnissen und die Frau sagte daraufhin, in ernst gemeintem Ton. "Don’t tell anybody!" (Sag das niemandem) - Und natürlich versprach ich ihr, diesen Ort für mich zu behalten. Sie offenbarte mir, dass sie jedes Wochenende im Sommer hier herfahren würden und selten jemanden sehen - und dies solle auch so bleiben. Trotzdem luden sie mich zum Tee und Abendessen ein. 


Der zweite Ort, der mich an Mordor erinnerte war der künstlich angelegte Lake Gordon. Ein Stausee, der im Südwesten der Insel liegt. Beim Bau des Dammes hatte sich das Wasser in der Regenzeit hoch gestaut und den Wald darunter ertränkt, bei Wasserknappheit senkt sich der Pegel des Sees und die toten Bäume kommen zum Vorschein. Eines der wenigen Male, bei der die Drohne zum Einsatz kam. 





Bäume, Bäume und noch mehr Bäume
Ein gewaltiger Teil von Tasmanien ist mit wundervollen Wäldern bedeckt. Abhängig von der Höhe unterscheidet er sich in Vegetation und Dichte. Für mich als Fotografen sind Wälder und Bäume zwar sehr schön anzusehen, aber sie zu fotografieren erweist sich als sehr sehr schwierig, denn meist wirkt ein Bild von Wald sehr stark überladen mit Details. Also bin ich während Tagen stundenlang durch die verschiedensten Wälder gelaufen (Tarkine bis Mount Field Nationalpark) immer auf der Suche nach einem guten Bildaufbau und dem richtigen Licht. Folgend ein paar Bilder, bei denen mir das gelungen ist, wie ich glaube.

Drohnenaufnahme des Regenwalds beim Morgenlicht

Sehr abgelegener Höhleneingang inmitten des Urwalds von Tasmanien

Sonnenaufgang am Mount Field inmitten von Ananasgras

Russel Falls, leider mit sehr wenig Wasser am Mount Field NP

Erste Sonnenstrahlen am Mount Field


Die Drohne blieb meist am Boden
Meine Phantom 4 Pro hatte in diesen 18 Tagen wohl als einzige richtigen Urlaub. Obschon mich viele fälschlicherweise für den „Drohnen-Fotografen“ halten, so muss ich das immer wieder von Neuem verneinen. Die Drohne kommt nur in Ländern zum Einsatz in denen ich schon sehr oft war und alle fotografischen Möglichkeiten vom Boden ausgeschöpft habe. Hier gibt mir die Drohne eine total neue Perspektive und neue Freude und Motivation das Land zu bereisen. Wenn ich jedoch zum ersten Mal in einem Land bin, ist die Priorität von Drohnenaufnahmen auf ein Minimum reduziert. Im Gegensatz zu Australien, wo Drohnen praktisch überall verboten sind, finden sich hier in Tasmanien nur ganz ganz wenige Verbotsschilder und die Tasmanier haben sogar Freude daran. Gerade einmal 6 Akkuladungen habe ich hier verpufft, für mehr fehlte effektiv die Zeit. 

Touristen? Wo? 
Nach diesen 18 Tagen kann ich etwas mit Sicherheit sagen, Touristen gibt es in Tasmanien, aber man kann schon fast die Uhr nach ihnen stellen. Morgens bis 09.00 Uhr und Abends ab 17.00 Uhr ist man überall total alleine. Die Infrastruktur (Hotels, Fahrdistanzen) sorgen dafür, dass man von den Hotels immer sehr früh losfahren müsste, oder aber auf das Abendessen verzichten würde, wenn man zum Sonnenauf- oder Untergang zur Stelle sein will. Im Zelt oder Camper ist dies kein Problem. Abgesehen von einem Mal hab ich immer direkt beim Spot gezeltet (12x) oder im Camper geschlafen (4x), und DA WAR NIE JEMAND! Sonnenaufgang an der schönsten Küste - Nur ich. Sonnenuntergang am bekannten Russel Fall, wo täglich hunderte Leute hinwatscheln, Nur ich. Der einzige Ort, an dem ich fälschlicherweise hoffte auch alleine zu sein war der Mount Wellington, der Hausberg von Tasmanien, gestern Abend. Bei Sonnenuntergang standen rund 10 Autos oben, dann plötzlich nur noch ich und ich dachte schon, die Ruhe würde nun einkehren, DANN begann die wilde Fahrt. Dutzende Autos fuhren neben mich und parkierten, ohne dass jemand ausstieg. Die Musikanlage des einen Autos wurde auf maximale Lautstärke gedreht, doch im Innern blieb es dunkel. Langsam begriff ich was da abging. Die jungen Hobarter Männchen und Weibchen nutzen den Schutz der Dunkelheit um sich ein wenig näher zu kommen. Und ich mittendrin, also werkelte ich ein wenig an meinen Bildern und versuchte eine erste Selektionsrunde zu starten. Bei den vielen verschiedenen Liedern, die um mich rum gespielt wurden keine einfache Sache. Um 01.00 Uhr war dann endlich fertig und die Ruhe kehrte wieder auf den Berg zurück und mit ihr die Kälte. Am nächsten Morgen (heute Morgen) entstand dann dieses Bild:


FAZIT - Tasmanien aus der Sicht eines Fotografen
Tasmanien ist in jeder Hinsicht ein Traum. ABER im Gegensatz zu Ländern / Gegenden wie Island, Namibia, dem Südwesten der USA, wo es auch ohne grossen Aufwand gute Bilder gibt, weil man praktisch überall hinfahren kann, geht dies hier in Tasmanien definitiv nicht. Gute Bilder zu schiessen erfordert in Tasmanien sehr harte Arbeit. Man läuft wahnsinnig viel, trotzt allen Wetterstimmungen, muss an vielen Orten im Zelt übernachten, fährt viel weiter als man denkt und kann nicht wirklich planen. Zusammengefasst, genau das was ich liebe ;-) Hierhin eine Fotoreise anzubieten, bei der nicht nur Sportskanonen teilnehmen können, ist eine grosse Herausforderung, die ich gerne annehmen werde. Die Lösung liegt in den Fortbewegungsmöglichkeiten. Mit Hilfe von Hubschraubern, Yachten und Offroadern kann man viele der Orte auch ohne grossen körperlichen Einsatz erreichen. Alles eine Frage des Preises. Für mich als Naturliebhaber und Wanderer gibts halt nichts schöneres als Zelt, Schlafsack, Kameraausrüstung über Stunden an einen verlassenen Ort zu schleppen und dort die Wildnis zu geniessen. 

Den nächsten Blogeintrag gibts von der GREAT OCEAN ROAD und KANGAROO ISLAND...