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Die Anden von Südamerika zu bereisen und fotografieren war seit Jahren ein grosser Traum von mir. Ursprünglich wollte ich diese Reise mit meinem Arctic Truck Camper realisieren. Die familiäre Situation (die Hochanden sind nichts für ein 2.5 Jahre altes Kind) und diverse andere Gründe liessen dieses Projekt jedoch sterben und daraus entstanden zwei kürzere Reisen. Eine 6 wöchige Reise nach Australien und eine 4 wöchige Reise nach Bolivien, Chile und Argentinien, auf der ich mich nun befinde.

Meine Reise beginnt in Bolivien in der lebendigen und lauten Stadt Cochabamba. Mit der Bolivianischen Airline, in einer fast 30 Jahre alten Boing 767 flog ich von Madrid her nach Santa Cruz und weiter nach Cochabamba. Der Flieger war zwar gut im Schuss, aber das Alter zeigte sich doch deutlich. So gab es weder ein TV noch sonst moderne Anschlüsse wie zum Beispiel USB am Sitz. Bei den ersten Turbulenzen krachte ein Teil der Dachabdeckung in den Gang und beim Start rutschten einige Sitze von Passagieren zurück ohne dass die es wollten. Doch ich kam gut an und nahm ein Taxi zur Autovermietung. Petita RentaCar wurde ursprünglich von einem Schweizer namens Aldo gegründet und verfügt über eine kleine Flotte von in die Jahre gekommenen Nissan Patrol. Ich hatte das neueste Fahrzeug gebucht und 4 Wochen vor meiner Anreise kam die Nachricht, dass mein Auto ein Ersatzteil bräuchte, welches erst in zwei Monaten lieferbar sein würde. Ich erhielt also einen 20 Jahre alten Nissan Patrol Benziner und hatte keine grossen Erwartungen an das Auto. Als ich dann in der Werkstatt stand, war ich total begeistert.


Trotz über 200’000 Kilometern auf Offroadpfaden und einem hohen Alter war das Auto extrem gut in Schuss. Der Motor und alle Bauteile glänzten und meine Skepsis war dahin. Die Rückbank wurde entfernt und Platz für eine 1.4m x 1.9m Matratze gemacht. Diese Matratze war jedoch so hart, dass sie mir aus altem Schaumstoff eine weitere „Matratze“ drauflegen mussten. Die 110 Liter Benzin auf dem Dach, der 30 Liter Reservekanister und der 70 Liter Haupttank (210 Liter total) würden für knapp 1'000 Kilometer reichen. Ich rechnete wie viel Liter Benzin ich wohl für die fast 8000 geplanten Kilometer benötigen würde und hatte einmal mehr ein schlechtes Gewissen der Natur gegenüber. Der Beruf als Landschaftsfotograf steht effektiv im Konflikt mit dem Spritverbrauch für die An- und Rückreise sowie die Reise vor Ort. Noch hatte ich keine effektive Lösung für dieses Problem gefunden, ausser dass ich den Leuten mit meinen Bildern zeigen würde, wie schön unsere Erde doch wäre und wie dringend wir sie umfassender schützen müssen.

Noch am selben Tag fuhr ich los Richtung La Paz, welches auf rund 4'000 Metern über Meer liegt. Da ich nicht in Cochabamba bleiben wollte (2'500 Meter über Meer) und somit kaum Zeit für Akklimatisierung hatte, nahm ich im Vorfeld schon während 30 Stunden das Medikament DIAMOX, denn schon in der ersten Nacht würde ich auf 3'700 Metern über Meer schlafen. Wie an den ersten Tagen in einem fremden Land, ganz alleine, ohne das Beherrschen der hiesigen Sprache so üblich hatte ich meine „Startdepressionen“ und sehnte mich zurück zu meiner Frau und meinem Sohn. Das Härteste in meinem Beruf ist das regelmässige Verabschieden und ständige Vermissen der Liebsten.  

NOTIZ: Sämtliche hier gezeigten Bilder unterliegen lediglich einer Grundentwicklung - Auf dem kleinen Laptop auf 4'000-5'000 MüM im Auto Bilder zu entwickeln, so dass sie Top aussehen ist leider nicht möglich. 



Die erste Nacht auf dieser Höhe verbrachte ich ohne Kopfschmerzen oder andere Höhensymptome und so entschied ich mich am nächsten Tag bereits auf 4'400 Metern zu campen. Der Komfort in diesem „Wohnmobil“ liess im Vergleich zu den kleinen Campern meiner vorherigen Australienreise zwar sehr zu wünschen übrig aber es war trotzdem ein Dach über dem Kopf und hatte 4 antreibende Räder drunter - was will ein Stefan Forster mehr ;-) Heute würde ich ein ganzes Stück durch Bolivien zur Grenze nach Chile fahren um dort den Vulkan Sajama zu fotografieren. Die Armut der Bolivianer nahm mich von Anfang an ziemlich stark mit. In der Nacht wurde es bereits -5 Grad kalt und am Sajama gar -10 Grad und die Bolivianer laufen in bunten Stoffkleidern umher und schlafen in Lehmhütten. In Chochabamba gab es einen grossen Supermarkt, der beinahe leer war, da die Lebensmittel dort viel zu teuer waren für den "normalen" Bolivianer.

Schon von weit her sah ich den Sajama weit in den Himmel ragen. Mit 6'544 Metern über Meer gehört er zu den höchsten Bergen der Anden. Es war wie im Bilderbuch; Moosbänke im Vordergrund, grasende Lamas und Vikunjas dazwischen und der Vulkan Sajama in seiner weissen Pracht im Hintergrund.


Ich übernachtete rund 100m weg von der Strasse in dichtem Buschwerk und als ich gerade damit beschäftigt war mir mein Abendessen zu kochen, raschelte es im Gebüsch und es stand eine typisch bunt bekleidete ca. 50 Jahre alte Bolivianerin vor mir. Als ich ihr sagte ich sei Schweizer und würde hier nur für eine Nacht campen, begann Sie zu strahlen und sagte mir, sie wohne ein paar hundert Meter weiter in einer Lehmhütte und wenn etwas sei, soll ich vorbeikommen. Ich hatte unterwegs einige Feuer im hohen Gras gesehen und fragte Sie zum Schluss was das solle; Ihre Antwort machte es mir nicht leichter, alleine in der Dunkelheit meine Kartoffeln zu schälen. Anscheinend gab es in der Gegend sehr viele Pumas, welche bei aktuellem Vollmond besonders viele ihrer Lamas reissen würden. Die Feuer würden sie vertreiben, so sagte sie. Nun gut, am nächsten Tag kam der erste Grenzübertritt von Bolivien nach Chile. Wie so üblich hier unten, waren die Bedingungen für den Übertritt sehr streng. So durfte ich nur Benzin im Haupttank (70 Liter - knapp 250km Reichweite) mitführen und KEINERLEI Früchte, Gemüse oder tierische Produkte. Im Grunde also alles, was ich zum Leben brauchte. Wie mir gesagt wurde, müsste ich pro Grenzübertritt jeweils einen ganzen Tag einrechnen. Was ich ursprünglich belächelte, erwies sich als Realität. Da Bolivien keinen eigenen Meerzugang hat, müssen alle Waren von Chile her per Lastwagen nach Bolivien transportiert werden. Dies sieht man schon weit vor der Grenze, denn hunderte von Bolivianischen Lastwagen stauen sich von beiden Seiten her. Ich hatte noch nie so viele Lastwagen gesehen. Und als guter Schweizer Bürger stellte ich mich natürlich in die Kolonne. So lange bis der Lastwagenfahrer hinter mir ausstieg und mir freundlich erklärte, dass ich an allen Lastwagen vorbeifahren dürfe und als Personenwagen Vorrang habe. Ich tat dies, fuhr am Lastwagenzoll vorbei, wartete 1.5 Stunden an der Baustelle und kam nach knapp 2 Stunden am Chilenischen Zoll an. Der Zoll liegt in einer der schönsten Gegenden, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Am Zoll angekommen, fragte man mich als erstes nach meinem Pass, ich erhielt den Stempel und alles schien gut, dann fragte man mich nach den Papieren für die Ausreise des Mietfahrzeugs und voila, das erste Problem. Ich hätte beim Lastwagenzoll in Bolivien, 2 Stunden entfernt ein Formular ausfüllen und abstempeln lassen sollen. Also blieb mir nichts anderes übrig als wieder bei der Baustelle anzustehen und zurück nach Bolivien zu reisen. Nach knapp 3.5 Stunden kam ich dann wieder am Zoll von Chile an, liess meinen Wagen auf alles mögliche absuchen und am späteren Nachmittag war ich dann im Land. Dieser Spruch von wegen einen Tag pro Grenzübertritt, den mir der Vermieter prognostizierte, wurde also Realität.

Der Parinacota im Lauca Nationalpark bei Sonnenuntergang - Phantom 4 Pro

Die Nächte waren so schön ruhig und der Vollmond erleuchtete die Vulkane so hell, dass ich in dieser Nacht auf Schlaf verzichtete

Nun hatte ich drei ganze Tage für den Lauca Nationalpark eingeplant. Mein Ziel war es, die wunderschönen moosartigen Yareta Cushion Plants zu finden und diese mit dem Vulkan Parinacota im Hintergrund abzulichten. Ich musste auch nicht lange suchen und fand die Yaretas haufenweise. Doch die EINE Pflanze konnte ich einfach nicht finden. Alle waren an einer Felswand oder im Schatten platziert und erst am zweiten Tag fand ich dann eine Yareta-Ansammlung, die direkt auf den Vulkan und die Laguna Cotacatoni zeigte. Abgesehen von den Lastwagen auf der Passstrasse war ich hier auf 4'500 Metern über Meer total alleine. Während den ganzen 3 Tagen sah ich kein einziges Auto.

Die Ansprüche werden auf 4'000-5'000 Metern über Meer kleiner. Das einzige was es hier braucht ist Wasser, ein laufender Motor (nicht selbstverständlich) und Benzin. Alle möglichen Kanister werden zu Benzinkanistern umfunktioniert, denn zwischen der einen und der anderen Tankstelle können 1'000 bis 1'400 Kilometer Offroadpiste liegen. 

Nach 5 Tagen ohne Duschen und Waschen kam mir dieser heisse Pool mitten im Nirgendwo gerade recht. 

Da es hier in Chile auf dieser Höhe keine Tankstelle gab und alle „Hinterhoftankstellen“ (Privatpersonen, die in Kanistern teuer Benzin verkaufen) leer waren, musste ich effektiv in einem Tag 159km von 4'500 Metern über Meer nach Arica AM MEER hinunterfahren, dort tanken und die gesamten 4'500 Höhenmeter wieder hoch. Ökologischer Schwachsinn, aber halt nicht anders machbar. Nach rund 9 Stunden Autofahrt und 3 Stunden in Arica, die ich dafür nutzte, mein Auto reparieren zu lassen (meine 230V Ladebooster hatten die Hälfte des Sicherungskastens des Auto weggeschmolzen) und gesunde Lebensmittel zu kaufen, kam ich kurz vor Sonnenuntergang wieder bei meinem geliebten Parinacota Vulkan an. Ich wurde Zeuge einer absolut einmaligen Gewitterstimmung. Der Himmel brannte und in der Nacht kam wieder der Vollmond, der die Landschaft um mich hell erleuchtete. Ich sah überall diese vielen Pumas, die die Bolivianerin erwähnte ;-) Scherz beiseite, wenn man total alleine nachts mit der Stirnlampe durch die menschenleere Landschaft streift, sieht und hört man Dinge, die es gar nicht gibt. Genau darum bin ich seit 18 Jahren total und zu 100% HORRORFILMFREI.

 Die schönste Yareta Pflanze, die ich in Südamerika je gesehen hatte. 

Selbstportrait von mir beim Sonnenuntergang am Parinacota im Lauca NP

Nach den Tagen im traumhaft schönen Lauca Nationalpark ging die Fahrt dann weiter Richtung Süden zu meiner ersten Salz-Lagune dem Salar de Surire. Dieser See liegt auf 4'000 Metern Höhe und auf dem Weg dorthin bin ich gerade einmal zwei Autos von Chilenen begegnet. Unterwegs kam ich einmal mehr in ein unglaubliches Gewitter. Im Sekundentakt blitze und donnerte es. Keine Touristen - nada.


Als ich dann am Salar ankam, sah ich die Flamingos schon von weit her zu hunderten im Wasser stehen. Natürlich startete ich meine ersten Drohnenversuche und stellte schnell fest, dass Flamingos mir als Mensch gegenüber sehr scheu sind, aber der Drohne gegenüber bis auf 3 Meter keinerlei Angst zeigen.



Mein Ziel waren als allererstes die heissen Quellen am Westufer des Salars. In der Dunkelheit kam ich dort an und aus dem Baden wurde nichts. Aber siehe da - da stand doch tatsächlich ein gewaltiger Lastwagencamper mit Schweizer BE Nummernschild dort. Nach 6 Tagen kaum Kontakt mit Menschen freute ich mich auf ein paar Worte Schweizerdeutsch. Und da war ich wohl nicht alleine. Das Pärchen, das mittlerweile seit 11 Jahren mit dem fahrenden Haus unterwegs ist, begrüsste mich freundlichst und ich bekam eine heisse Schokolade. Die kommenden 2 Tage kam ich immer wieder zu ihnen zurück und wir frönten unseren Hobbys. Die Frau war leidenschaftliche Nikon-Fotografin und ihr Mann hatte eine DJI Phantom 4 und wollte unbedingt ein paar Tipps. Es war eine tolle Zeit und tat so gut nach fast einer Woche der totalen Einsamkeit einmal ein paar nette Menschen kennen zu lernen.

Hier am Salar de Surire entstand auch mein bislang bestes Drohnenbild. Am Tag Nr. 2 am Salar gegen Abend zog ein gewaltiges Gewitter herein.


Die Frequenz der Blitze und deren Nähe liess die Vögel in Scharen davonfliegen. Mit dem Fernglas sah ich in der Ferne eine riesige Ansammlung von Chilenischen Flamingos (die ganz roten), welche von Ort zu Ort flogen. Sofort nahm ich meine Phantom 4 Pro aus dem Koffer und flog die knapp drei Kilometer zu dem Schwarm hin. Ich näherte mich sehr langsam und wollte die Tiere nicht unnötig stören. Doch dann erleuchtete ein weiterer Blitz den Himmel und die Flamingos flogen davon. Ein Teil von Ihnen weg von mir ein anderer direkt in meine Richtung. Als sie dann nur noch 50 Meter von meinem surrenden Quadrokopter entfernt waren, nahmen sie eine Rechtskurve, weg von mir und ich flog ihnen nach. Nur wenig später landeten sie im Salzsee und da ich wohl zu spät reagierte, kam ich ihnen zu nahe und die ganze Gruppe startete erneut. In genau diesem einen Moment betätigte ich den Auslöser und entstanden ist dieses Bild. Das Spezielle daran ist nicht unbedingt die Flamingogruppe sondern die einmalige Lichtstimmung mit dem Regenbogen. Die Chance in dieser Jahreszeit auf dieser Höhe ein Gewitter zu erleben stehen 1:1’000.



Voll grosser Erwartungen ging es einen Tag später weiter Richtung Süden nach Ollagüe und später San Pedro de Atacama. Sehr schlechte Strassen, meist blauer Himmel (es gibts nichts Schlimmeres als blauer Himmel), kein Wölkchen und eine extrem öde Landschaft sorgten dafür, dass die Kamera kaum zum Einsatz kam. Die einzelnen Momente dazwischen, in denen das Licht mitspielten waren jedoch gewaltig. Die Einsamkeit suchte mich erneut heim. An einem Tag sah ich effektiv nur einen einzigen Menschen und Schlafen in the Middle of Nowhere ist nicht optimal, wenn man sonst schon fast an Einsamkeit erstickt. Zum guten Glück hatte ich meine täglichen 3 bis 4 Telefonate mit meiner Frau mit dem Satellitentelefon.

Der Zug transportiert Güter von Chile nach Bolivien

Einmalige Sonnenuntergangsstimmung in den Anden von Chile - Aufgenommen auf 5'200 MüM

Über die bekannten Tatio Geysire kam ich dann in San Pedro de Atacama an und fand das totale Gegenteil von dem an, was ich in den letzten 10 Tagen erlebt hatte. Meine erste Begegnung mit dem Massentourismus hatte ich nahe der Tatio Geysire. Ich schlief nur 20 Meter von der Passstrasse entfernt im Auto als um 06.00 Uhr der erste Riesenbus an mir vorbeifuhr. Nach 34 Bussen und dutzenden von Autos machte ich mich auch auf den Weg zu den Tatio Geysiren und unweit vor dem Parkplatz, der am Abend zuvor leer war, kehrte ich um. Hunderte von Touristen strömten zu den sonst schon nicht sehr fotogenen Geysiren hin. Zu viel für mich - ein zu harter Anstieg im Vergleich zu 1 Tourist am Vortag
. In San Pedro und dem Valle de La Luna war es nicht nicht viel besser. Tausende von Touristen (zu denen ich selbst auch zähle), in gewaltigen Bussen herumgefahren, suchen hier die Schönheit der Wüste. Doch etwas Gutes hatte das Ganze definitiv an sich - bei der Anfahrt auf San Pedro hatte ich ein Hotel gebucht und konnte zum ersten mal seit 12 Tagen eine richtige Toilette und Dusche nutzen. Was für ein Traum…

Am Morgen sind die Tatio Geysire besonders aktiv - was man auf diesem Bild nicht sieht, sind die rund 1'000 Touristen, die diese Geysire jeden Morgen aufsuchen

Mein erster Campingplatz in der Atacama Wüste - direkt über dem Valle de la Muerte

Dies war einst eine Strasse, jene Strasse, die ich hätte nehmen sollen. Seit dem letzten Gewitter nicht einmal mehr für die grössten Offroadfahrzeuge befahrbar

Meine absolute Lieblingstafel - kombiniert mit Öffnungszeiten, die 2 Stunden vor Sonnenuntergang verlangen, dass man das Gebiet verlässt. Leider wird es in Chile und Argentinien immer schlimmer. Als Fotograf ziemlich frustrierend.